Berga ist eine schöne Stadt. Besonders in dieser wunderlichen Zeit zwischen den Zeiten. Jetzt kurz nach dem Herbst, wo alle noch vom Sommerurlaub auf den Kanaren träumen, kann sich niemand mehr so genau erinnern wie es eigentlich sein sollte. Vor 30 Jahren noch sagen die Alten hat es im November schon ordentlich geschneit und man hat den Pferdeschlitten aus der Scheune geholt. Doch heute sieht die Stadt mit ihren kleinen Fachwerkhäusern traurig aus. Das Braun der Balken und grau der Wände scheint sich seltsam zu verbinden mit den blattlosen Bäumen und dem Laubmatsch am Straßenrand. Die vorbeifahrenden Autos spritzen das Wasser auf die Gehwege und es ist bitterkalt. „Langsam riecht es nach Schnee“ denkt sich Johannes. Auf dem Weg von der Schule nach Hause muss er durch die halbe Stadt, aber das stört ihn nicht. Er mag Berga und seine Häuser, auch wenn alles jetzt so verwaschen wirkt. Die Menschen die er trifft sehen müde aus und gehetzt, selbst ihre Mäntel sind grau und braun. Alles scheint eine Welt zu erschaffen die am Ende ist. Johannes schüttelt den Kopf „Wenn man sowas denkt kann man ja nur traurig werden. Nein das will ich nicht!“ murmelt er und geht noch ein wenig schneller um die Ecke nach Hause. Dort angekommen schmeißt er seine Schultasche in die Ecke und rennt in sein Zimmer. Er ist irgendwie niedergeschlagen von dem was er gesehen hat. Auf seinem Schreibtisch liegt noch die Tüte vom Sonntag. „Mama wird böse wenn ich nicht bald aufräum“ schnell geht er hin, schnappt sie sich, doch da purzelt etwas heraus. Ein rotes Windlicht aus Plaste mit so einem seltsamen Blechdeckel. Einen Augenblick schaut er es an und dreht es in den Händen. Es war eine Erinnerung, ein Mitbringsel aus dem Kindergottesdienst am letzten Sonntag. Heute war schon Freitag und es hatte die ganze Woche auf seinem Schreibtisch gelegen ohne das er es bemerkt hatte. Was hatte Frau Murik noch gesagt? Irgendwas über die Toten und das wir ihnen gedenken an so einem Tag am Ende des Jahres. Das hatte er nicht verstanden. Das Jahr war doch noch gar nicht zu Ende? Es war doch gerade mal November und es lag nicht einmal Schnee und Schule hatte er auch noch, das ergab alles keinen Sinn. „Was mach ich denn jetzt mit dem blöden Ding?“ Als er das Windlicht so fragend in den Händen dreht fällt ihm ein was Frau Murik noch gesagt hatte. Das wir Christen nicht traurig sein müssen, wegen den Toten weil sie zu Gott kommen und das wir am Ewigkeitssonntag für die Verstorbenen auch nochmal das Grab schmücken und eine Kerze anzünden. Das findet Johannes schön, seine Oma hatte auch all die Jahre immer ein schönes Grab. Aber irgendwas war da doch noch, was er im Kindergottesdienst gehört hatte über das mit dem Ende.. Leise klopft es an der angelehnten Zimmertür. Johannes Mama öffnet sie und kommt herein: „Johannes schön das du schon da bist. Hast du keinen Hunger? Ich kann dir schnell noch was machen.“ „Nein“ sagt er ganz niedergeschlagen. Da merkt seine Mama, was er in den Händen hält. Er hat nicht mal seine Jacke ausgezogen und steht da, mit dem Windlicht in der Hand. „Mama? Warum ist nach dem Ewigkeitssonntag das Jahr vorbei? Kommt da nichts mehr? Ist mit den Toten alles vorbei?“ Langsam geht Mama auf ihn zu, nimmt seine Hände in ihre und sagt: „Nach dem Ewigkeitssonntag beginnt ein neues Jahr. Jetzt am Sonntag ist der erste Advent. Da beginnt die Adventszeit. Advent heißt Ankunft. Ab da beginnt die Vorfreude auf Weihnachten! Wir warten auf Jesus und feiern dann seien Geburt im Stall.“ Als sie in Johannes Augen sieht sind da kleine Kullertränen. „Bin ich froh, dass nicht alles vorbei ist. Nach dem Tod warten wir auf das Jesuskind? Das ist toll. Dann ist es ja gut, wenn das Kirchenjahr auch mal vorbei geht“ Johannes grinst. „Diese Woche denken wir jetzt noch an die Verstorbenen des letzten Jahres und schmücken ihre Gräber noch einmal, viele stellen auch solche Kerzen auf die Gräber damit dort noch ein Licht leuchtet“ „Klingt irgendwie dann wie Advent da sind doch auch so viele Kerzen. Können wir meine Kerze auf Omas Grab stellen?“ Mama nickt. Später geht die ganze Familie zum Friedhof. Wieder durch das matschige Berga. Mama und Papa halten sich an den Händen und Johannes trägt das Windlicht. Plötzlich sieht Johannes etwas und bleibt stehen. Seine Eltern drehen sich um und schauen ihm fragend in sein geknautschtes Gesicht. „Warum machen die denn hier auf dem Marktplatz schon nen Weihnachtsmarkt? Das ist doch falsch. Wir denken noch an die Toten, Advent ist doch erst übermorgen?“ Liebevoll schaut seine Mama ihn an und setzt sich zu ihm in die Hocke. „Alle Menschen wissen das nicht so genau mit dem Kirchenjahr sie sind vielleicht keine Christen und wollen trotzdem Weihnachten feiern, so wie sie das kennen. Bei ihnen beginnt die Weihnachtszeit schon am Montag nach dem Ewigkeitssonntag und wir wollen ihnen doch den Spaß nicht verderben. Wir können ja trotzdem an Omas Grab gehen und ihr das Windlicht hinstellen.“ Johannes schaut nachdenklich hinüber zu dem beginnenden Trubel an den Ständen und Buden. Langsam machen sie sich wieder auf den Weg zum Friedhof. Der Gedanke lässt ihn nicht in Ruhe, warum man so früh diesen Weihnachtsmarkt macht. Als er das Windlicht auf das Grab seiner Oma stellt und anzündet spricht er ein kleines Gebet zum Jesuskind, das es ihm das doch erklären soll. Schweigend schauen alle eine Weile auf das Grab. „Mama? Wenn das Kirchenjahr zu Ende geht gibt es dann auch ein Silvester in der Kirche? So als Abschied vom Jahr?“ Mama schaut ganz verdutzt „Hmm ich weiß nicht, theoretisch ja morgen, am Samstag am Tag zwischen Ewigkeit und Advent“ „Dann ist morgen Silvester und da können wir das alte Jahr nochmal feiern!“ sagt Johannes und freut sich. Es wird warm in seinem Herzen denn morgen kommt der Tag an dem der Übergang ist vom alten ins neue Jahr von Trauer in hoffnungsvolle Erwartung. Bald kommt das Jesuskind. Und plötzlich spürt er die erste Schneeflocke auf seiner Nase. Das neue Jahr beginnt dann also im frischen Weiß. „Das ist gut so“ denkt er und geht Hand in Hand mit Mama und Papa nach Hause.
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