Freitag, 3. Dezember 2010


Gestern ging ich mehrfach in die Knie. Morgens früh um kurz nach sechs, weil ich auf dem Türsims vom Neuen Haus ausgerutscht bin. Ich war in meiner Freude über den Schnee nur mit dem Bademantel über den Schlafanzug und barfuß in den Hausschlappen hinuntergerannt und war so im staunen über die Schneemassen das ich doch glatt in die Knie ging, unfreiwillig, denn Schnee auf Fliesen ergibt glatt. Dann musste ich mal wieder so einige Dinge vom Boden aufheben, weil die Schwerkraft zu Zeit verstärkt durch meine Schusseligkeit größer geworden ist. Beim Abwasch dann musste ich in die Knie gehen um Geschirr in die Schränke auch unten bequem einräumen zu können. Und zu guter Letzt des Tages ging ich in die Knie unter der Arbeit die mich zu erdrücken schien und der Sorge, ob ich es schaffen würde mich die nächsten Tage zu überwinden und Auto zu fahren.  Viele Dinge zwingen uns die Knie zu beugen wie es im Lutherdeutsch heißt. Manchmal sind es Handgriffe die leichter gehen wenn man in der Hocke sitzt. Durch anderes wird man regelrecht gezwungen. Auch wenn ich niemandem wünsche dass es der Schnee ist. Manche Dinge kann man auch nicht wirklich gut verhindern, manch eine Sorge zum Beispiel die einem im Nacken zu liegen scheint und den ganzen Körper zusammendrückt. Schmerzen lassen uns zusammenrutschen und wie das Wort schon sagt wenn man die Knie beugt wird man klein. Das merke ich immer wieder ganz extrem an einem unserer Uchtis. Wenn ich sage er ist groß dann meine ich das auch, er ist sogar noch größer als Manuel und das konnte ich mir lange nicht vorstellen, dass sowas geht. Er hat durch seine Größe diverse Probleme vor allem mit Sitzgelegenheiten. Am 1. Advent ist mir dann wieder etwas aufgefallen. Der Mann kann mir wenn er kniet direkt in die Augen schauen. Und mir ist das unangenehm. Warum? Ich glaube das liegt nicht direkt an ihm. Das Knien ist von seiner Symbolik her eine Geste der Unterwerfung. Man kniete sich hin vor Menschen mit höherem Rang oder auch vor Gott ging man auf die Knie im Gebet. Vor Königen knieten die Ritter genauso wie das einfache Volk. Wenn man vor jemanden kniet stellt man ihn über sich. Ich mag das nicht wenn jemand vor mir kniet.  Warum das alles? In der Tageslese geht steht heute ein Text aus Matthäus 27: „Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus mit sich in das Prätorium und sammelten die ganze Abteilung um ihn. Und zogen ihn aus und legten ihm einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm aufs Haupt und gaben ihm ein Rohr in seine rechte Hand und beugten die Knie vor ihm und verspotteten ihn und sprachen: Gegrüßet seist du, der Juden König!, und spien ihn an und nahmen das Rohr und schlugen damit sein Haupt.“
Jetzt kurz vor Weihnachten bekommen wir hier einen Text zu lesen aus der Passion Christi. Das hat mich schwer schockiert. Dieser Moment in dem eine Gruppe von bis zu 600 Mann wie man heute vermutet Jesus demütigen. Es war eben so üblich die Verurteilten noch etwas zu quälen hörte ich einmal. Aber Jesus hatte es besonders hart getroffen: ein Soldatenmantel als Parodie zum Purpur der Könige, ebenso auch eine Krone und ein Rohr wie ein Zepter. Sie hatten ihn zu Recht gemacht wie einen König. Einen geschlagenen König! Solche Verspottungen sind seelische Vergewaltigung und Jesus hält es aus. Er erleidet es, heute wissen wir wofür. Er starb für uns, er litt es für uns, für uns und unsere Schuld. Aber in diesem Text ist noch etwas drin was mich aufhorchen ließ. Die Soldaten beugten die Knie vor Jesus, wie vor einem König und grüßten ihn als diesen. Auch wenn es vielleicht nur der Ausdruck war des römischen Judenhasses. War es doch ein Zeichen. Die Bösen, die Schlächter, die Jesus töten werden gehen vor ihm auf die Knie. Was würde ich darum gebe zu erfahren wie es ihnen ergangen wäre hätten sie gewusst das sie vor dem wahren König knien. Dass sie dem die Ehre erweisen dem sie gebührt.
Doch da schoss beim Lesen noch etwas durch meinen Kopf. So kurz vor dem Ende gibt es eine wunderschöne Parallele im Evangelium des Matthäus. „Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Als sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.“
Die drei Weisen aus dem Morgenland suchen den König der Juden und finden ihn. Nach einer langen Reise finden sie über Irrwege das Kind in der Krippe und erkennen in ihm den König der Juden. Sie bezeugen diesen Glauben in einer einfachen Geste: sie fallen nieder und beten an. Diese Fremden setzen sich vor Jesus in den Staub und erniedrigen sich, denn sie ahnen das Gott dieses Kind geschenkt hat. Auch hier finden wir wieder Kostbarkeiten des Königtums, allerdings kommen diese Geschenke nicht aus Spott und Hohn. Es sind ehrlich gemeinte Gaben.
Vor Jesus sind viele in die Knie gegangen, seine Peiniger und Menschen die ihn angebetet haben gleichermaßen. In der katholischen Kirche geht man noch heute auf die Knie wenn man mit ihm redet und die Hände faltet. Vielleicht können wir die Spiritualität in dieser Geste wiederfinden und auch vor unserem König auf die Knie gehen, mental oder auch physisch. Es gibt viele Dinge die uns in die Knie zwingen aber es tut auch gut mal wieder neu das alte zu entdecken und diese ehrfurchtsvolle Geste vor unserem Retter am Kreuz der zu Weihnachten in unsere Welt kam einzunehmen.
Amen.